California Dreaming – Vom Millionär zum Cowboy

Die Idee meines – mehr oder weniger – spontanen „Selbstfindungstrips“ nur mit Rucksack nach Kalifornien wurde von Freunden und Kollegen müde belächelt. Doch die zwei mal zwei Monate Auszeit im Wilden Westen sollten sich als prägende Erfahrung herausstellen.

„Hi, suchst du Jim?“

„Keine Ahnung…“

„Du suchst Jim.“ Okay…

Ich wusste in der Tat nicht, was ich suchte. Ich wusste nur, dass ich gerade – per zufälliger Internetempfehlung – einen Ort gefunden hatte, an dem ich gerne ein wenig bleiben wollte. „Einfach nur abhauen!“ Wie oft hatte ich diesen Satz in den vergangenen Monaten gedacht, bis ich schließlich zum dem Schluss kam: Warum eigentlich nicht? Eine Familie hielt mich noch nicht, auf meinen Job konnte ich auch eine Weile verzichten. Jetzt oder nie!? Der Flug war schnell gebucht und mehr wollte ich auch gar nicht organisieren.

Nach etwas einsamen Tagen in Los Angeles hatte es mich Richtung Joshua Tree National Park und die Mohave-Wüste gezogen. Schon die Fahrt war ein Erlebnis. Im Wüstenstädtchen Yucca Valley ging es vom zweispurigen Highway ab mitten in den Wilden Westen. Wo eben noch Palmen gestanden hatten, verengte sich die Straße nach Pioneertown zu Schluchten zwischen warmen, beigefarbenen Felsen mit Kakteen, ausgetrockneten Büschen und Gräsern und immer wieder den fast surreal aussehenden „Joshua-Tree“-Bäumen mit ihren ausgedörrten Stämmen, von denen die vertrockneten Palmrispen wie Wildschweinborsten abstanden.

Als es wieder flacher, buschiger, staubiger und einsamer wurde, fürchtete ich fast, mein Ziel verpasst zu haben, als ein kleines Schild die „Rimrock Ranch“ anzeigte. Ich steuerte durch das Tor, auf dem ein flammendes Herz thronte, und parkte mit Blick zur fast unendlichen Weite. Wow!

Wahr gewordenes Klischee.

Die Ranch liegt etwa 20 Minuten von Pioneertown entfernt, einer Kulissenstadt für Westernfilme aus den 40er Jahren. Die County-Sänger, Schauspieler und amerikanischen Nationalhelden Roy Rogers oder Gene Autry beispielsweise drehten hier und quartierten sich in ihrer Freizeit auf Rimrock ein. Aus dieser Zeit stammen die vier Holzhütten, in denen heute Touristen und Wochenend-Gäste aus L.A. unter Patchwork-Decken einer anderen Zeit hinterher träumen. Jim – von der Sonne gegerbtes Gesicht, ein wenig zu weiße Zähne, Cowboy-Hut und schwarze Ray-Ban-Brille – stellte sich als Besitzer der Ranch vor und führte mich rund.

Den, für amerikanische Verhältnisse schon historischen Teil der Ranch, hatte Jim um ein modernes Wohnhaus und ein Deck zur Sternenbeobachtung ergänzt, Hängematten an Joshua Trees, ein großer Grillplatz, Oldtimer und andere liebevolle Details verwandelten die Ranch in einen romantischen Abenteuer-Spielplatz. In meiner Hütte bestaunte ich den liebevollen Wildwest-Kitsch in Form von Rodeo-Reiter-Schattenrissen, Geweihen, Hufeisen, eine Gitarre mit Roy-Rogers-Autogramm. Auf dem Nachtisch lagen „Stirb im Sattel“ und „Das Land der einsamen Männer“ von Louis L’Amour. Das wahr gewordene Klischee.

„Um sieben Uhr geht es los in Pappy’s“, werde ich knapp informiert. Amy, Wochenend-Bewohnerin von Hütte 2, sieht mein verwirrtes Gesicht und klärt auf: „Pappy and Harriet’s ist Bar, Restaurant, Music-Club in Pionneertown. Das darfst du dir nicht entgehen lassen.“ In der Tat: Komplett aus Holz gebaut hängen an den Wänden Fotos aus alten und neuen Zeiten und jede Menge gigantische Geweihe und Gehörne. Hinter der bestimmt zehn Meter langen Theke stand eine junge Frau, die den gesamten Laden schmiss.

„Aus New York“, meinte Jim, mit dem ich mit Barbecue und Whiskey Soda an der Bar saß und der fast jeden, der ein und ausging kannte und mich nicht nur vorstellte, sondern mir stets auch einen stichwortartigen Abriss über Den- oder Diejenigen gab. Die Bedienung war also aus New York und nicht nur Bedienung, sondern eine der beiden Besitzerinnen. Robyn hatte sich in den Wilden Westen verliebt und die Großstadt verlassen.

Good bye Big Business.

Gebaut wurde der „Saloon“ bereits 1946 als Kulissse für Westernfilme, Anfang der 70 er Jahre übernahm ein Paar aus der Gegend der Bar, die in zwei Generationen geführt und sich schon damals als die Location für Musiker weit über die Region hinaus etablierte. 2003 kauften die New Yorkerinnen Robyn und Linda den Honky-Tonk-Treff. Vor allem an den Wochenenden geht es hoch her in „Pappy & Harriet’s“, wenn viele Leute aus Los Angeles einen Wüstentrip machen und neben der genialen Tex-Mex-Küche auch noch Musiker wie Feist, Kesha, Robert Plant, Eric Burdon, Lucinda Williams, Queens of the Stone Age, Rufus Wainwright oder Sean Lennon live erleben können. An diesem Sonntagabend waren die „Locals“ mehr oder weniger unter sich, und die Hausband, die „Thrift Store All Stars“ spielte.

Auf der Tanzfläche ging es heiß her. Paare tanzten neben kleinen Kindern, an der Bar lehnten Männer in Cowboy-Hüten und dreckigen Chaps neben Frauen in Abendkleidern und dramatisch auftoupierten Haar und wenn sie redeten, funkelten ihre Augen offen und ausgelassen und kein bisschen abgeklärt, wie es in Clubs hierzulande an der Tagesordnung ist. Die Leute hatten einfach Spaß. Ich inklusive.

Jim bestellte noch einen Whiskey und dann erfuhr ich auch seine Geschichte. 1985 hatte der Grafikdesigner die Firma „Redsand“ gegründet, ein Label für Surfwear. Jim stammt aus Encinitas, einer kleinen Surf-Gemeinde rund eine halbe Stunde von San Diego entfernt. Er selbst war auf dem Brett nahezu groß geworden und gemeinsam mit dem Volleyball-Olympiasieger Steve Timmons und einem anderen Freund brachten sie die lässige Kleidung auf den Markt, die sie zu Millionären machte.

Anfang der 2000er Jahre hatte Jim genug vom „Big Business“, verkaufte seine Anteile und beschloss, einen Kindheitstraum wahr werden zu lassen: „Ich wollte ein Cowboy sein, seit ich denken kann. Also kaufte ich die Ranch und zog in den Wilden Westen.“ Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. So macht man das also. Jim sah sehr glücklich aus und ich bewunderte ihn für seine Entscheidung. Wer würde hierzulande schon eine mega-erfolgreiche Firma für einen Kindheitstraum vom Cowboy sausen lassen?

Miete: Rouladen mit Rotkraut

Am Morgen schaffe ich es doch tatsächlich zum Sonnenaufgang auf das Sternenbeobachtungsdeck und werde vor lauter wilder Schönheit ganz demütig. Als Jim mir mit einem Kaffee entgegen kommt, wage ich ihn nach dem Preis für das Wildwest-Paradies zu fragen, in dem ich gerne länger bleiben würde. „Am Wochenende kommen Freunde, die mir helfen, den Schuppen auszubauen, da kannst du für uns kochen, wenn du möchtest.“ Aha… Ich versuche jedwede Skepsis und aufkeimendes Misstrauen zu vergessen und mich einfach zu freuen.

Gesagt, getan. Die Rouladen mit Rotkraut und Püree kommen bestens an und ich habe das Gefühl, in die Wüsten-Künstler-Hippie-Welt adoptiert worden zu sein. Jim stellte mir eine junge Frau vor, die daran arbeitete, den Duft von Regen in der Wüste in einem Parfum fest zu halten. Ich lernte Musiker kennen, Maler, Dichter. Die Gegend um den Joshua Tree Park zieht Kreative an wie Motten das Licht. Gerade die Monotonie der Wüste scheint die Sinne zu kanalisieren und in konzentrierter Form auf das zu lenken, was da war.

Nach etwa fünf Tagen kündigt Jim an, nach Encinitas zu einem Auftritt zu müssen. Als Bassist spielt er nämlich in mehreren Bands. Er habe aber alles mit Nena geklärt, ich könne bei ihr schlafen. Nena Anderson. Amerikanische Tochter einer Chinesin und eines Dänen, Sängerin und Gitarristin, Designerin und Fotografin. Und unglaublich nett. Sie hatte mich fünf Minuten gesehen, mir den Schlüssel überlassen, mein Zimmer und den Kühlschrank gezeigt.

Wir freundeten uns sofort an. In den kommenden Wochen pendelte ich mit Jim zwischen Pioneertown und Encinitas, einer relaxten Kleinstadt mit Traumstränden und lässigen Surf-Freaks. Ich besuchte mit Nena und ihren Bands unzählige Bars in San Diego und Umgebung, war VIP-Empfängen in Museen und lernte so viele nette, offene und unglaublich gastfreundliche Menschen kennen. Im Gegenzug kochte ich, half im Garten und passte auf Nenas Sohn und Hund auf.

In den sechs Jahren, die jetzt seit meiner Kalifornien-Reise vergangen sind, bin ich viel offener und mutiger geworden. Ich habe mir angewöhnt, den Orten, Dingen und Menschen zu folgen, die mich wirklich interessieren. Ohne große Kosten-Nutzen-Aufstellung im Kopf etwas probieren, auch wenn es nach gängigen Gesellschaftskriterien – die da fast immer Geld oder die allseits beliebte Scheinsicherheit sind – vielleicht nicht der große Erfolg ist.

Noch mit frischem Tatendrang renovierte ich 2009 das ehemalige Lebensmittelgeschäft meiner Oma und richtete eine Kunstgalerie ein – ein großartiges Projekt, das mir eine tolle Zeit geschenkt hat.

Vielleicht wäre ich ohne die Kalifornien-Erfahrungen auch nie spontan ins französische Troyes gefahren, von wo eine Zufallsbekanntschaft mir ununterbrochen E-Mails schrieb – und wäre nie mit meinem Mann und Vater unserer kleinen Tochter zusammen gekommen. Das Leben bietet so viele Gelegenheiten. Aber meistens rennen wir einfach vorbei – aus Angst, oder einfach Alltagsblindheit. Das zu ändern, hat mich die Zeit in Kalifornien gelehrt.

Ich hatte Jim fürwahr gesucht.

 

 

 

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