Oder: Meine Komfortzone ist nicht deine Komfortzone

 

Alltag? Das Schlimmste für mich. Die gleiche Umgebung, die gleichen Wege, die gleichen Tätigkeiten – ich habe das Gefühl, dass mein System dann auf Autopilot schaltet. Das beste Gegenmittel: Reisen! Denn wenn ich unterwegs bin, sind alle meine Sinne angeknipst und ich bin mit einer großen Portion Lebendigkeit versorgt. Und doch kann das Reisen eine ziemlich aufwändige Sackgasse und Lernerfahrung sein.

Ich liege auf dem Bett und kann nicht einschlafen. Draußen donnern die Wellen mit gewaltiger Wucht gegen den Strand, der nur etwa 100 Meter von unserem Zimmer entfernt ist. Was sich unglaublich romantisch anhört, fühlt sich eher beklemmend an. Vor allem habe ich noch die Zeichnung vor Augen, die die Bedienung uns beim Abendessen ohne  Worte mit der Speisekarte auf den Tisch gelegt hatte. Der Strand war dort skizziert, dann mehrere Pfeile, welche die Strömungsverhältnisse an der Bucht darstellten.

Demnach fiel der Strand nur wenige zehn, zwanzig Meter im Meer steil ab, gefolgt von einer starken Unterströmung, die einen unmissverständlich in die Tiefe ziehen würde. Wir hatten den Sog gespürt, nur beim Spaziergang im knöchelhohen Wasser. Und uns gewundert, warum keiner der vielen Einheimischen, die sich hier zum Sonnenuntergang getroffen hatten, auch nur in die Nähe des Wassers ging. Jetzt wussten wir es.

Die seltsame, starke Energie hatten wir direkt gespürt, als wir am frühen Nachmittag in Bugbug angekommen waren. Rund zweieinhalb Stunden waren wir von Ubud unterwegs und gelangten Kilometer für Kilometer Richtung Karangasem, im Osten, in ein anderes Bali. Weg vom touristischen Süden musste unser Taxifahrer nicht den obligatorischen Hühnern und Kühen, sondern auch auf der Straße schlafenden Schweinen ausweichen, was er selbst mit überraschtem Kichern quittierte.

Die letzten zwei Kilometer führten uns über eine Buckelpiste, vorbei an Hütten im Wald mit Feuern hin zu einem Strand mit Ohren betäubender Brandung und schwarzem Sand. Unser Hotel? Fehlanzeige. Andere Touristen? Fehlanzeige. Wir waren ratlos. Unser Fahrer fragte ein paar mit einer Blechdose kickende Kinder, die ihm einen schmalen, sandigen Pfad entlang einer Mauer parallel zum Strand wiesen, wo sich nach etwa 50 Metern unser Hotel fand.

Mit einem gemieteten Motorroller erkunden wir wenig später die Gegend, verlassen die von schwarzen Felsen umrahmte Bucht, die inmitten einer üppigen, dunkelgrünen Vegetation liegt. Zu dritt sitzen wir auf dem Roller: Alex, der Fahrer, in der Mitte, Lucile vorne, festgehalten von den Beinen ihres Vaters, und ich hinten.

Während unsere Tochter die wilden Fahrten von Anfang an genossen hat, dauerte es bei mir eine Weile, bis ich mich inmitten des balinesischen Verkehrs entspannen kann. Nun lehne ich mich an den Rücken meines Mannes, genieße den Gegenwind und das Leben auf den Straßen.

Viele Einheimische lachen und winken, wenn wir als kleine Familie vorbei tuckern. Der Geruch von Räucherstäbchen zieht wie eine Wolke mit uns, neben Hupen und Rufen tönt auch immer wieder die typisch balinesische Gamelan-Musik aus den Gassen und Häusern. Ich fühle mich frei, glücklich und lebendig wie lange nicht mehr.

Denn Alltag ist das Schlimmste für mich. Die gleiche Umgebung, die gleichen Wege, die gleichen Tätigkeiten – ich habe das Gefühl, dass mein Gehirn, mein Körper, mein ganzes System dann abschalten. Autopilot. Das Leben weicht aus mir, ich fühle mich wie eine leere Hülle.

Ich brauche Herausforderung und Abwechslung wie die Luft zum Atmen. Mein Job als Journalistin war perfekt für mich, weil er meine Neugier befriedigte. Noch besser aber war natürlich das Reisen, am besten alleine: Die Sinne offen, die Seele weit. Jeder Tag ein offenes Abenteuer.

Lucile war sechs Wochen jung, als wir als Familie zum ersten Mal verreisten. Mit drei Jahren war sie bereits in sieben Ländern – und liebt das Reisen genauso wie ihre Eltern, die aus Deutschland und Frankreich stammen und sich auf dem Flughafen in Luxemburg beim Boarding zu einer Reise nach Griechenland kennengelernt haben.

Kein Wunder, dass uns die Idee des Digitalen Nomadentums direkt fesselte, als ich Ende 2014 zum ersten Mal davon hörte. Ortsunabhängig online sein Geld verdienen und von überall arbeiten zu können – das wollte ich auch. Im Mai des folgenden Jahres besuchte ich die Digitale Nomaden Konferenz in Berlin und überlegte, wie ich näher an mein Ziel kommen sollte.

Ich arbeitete bei einem Magazin in Luxemburg als gut bezahlte freie Pauschalistin und musste nur ein, zwei Mal in der Woche für Termine ins Nachbarland. Ein Traumjob eigentlich, aber doch noch zu sehr an einen Ort gebunden. Außerdem fehlte mir auch seit einiger Zeit die Herausforderung.

In der nächsten Zeit arbeitete ich mir immer mehr Freiheiten heraus, bis ich mich für einige Monate komplett aus Luxemburg verabschieden und meine Themen und Rubriken online machen konnte. Der richtige Zeitpunkt für einen Test-Trip als digitale Nomadenfamilie – Bali, baby!

Die ersten drei Wochen waren großartig, doch dann begannen die aufrüttelnden Energien, denen man auf Bali überall begegnet, Wirkung zu zeigen. Alles scheint hier ein wenig intensiver und so poppten die Probleme, die uns zu Hause zu schaffen machten und die wir eigentlich ignorieren wollten, eben auch oder gerade im Paradies hoch.

Die berühmte Komfortzone verlassen, wenn man sich weiterentwickeln möchte, ist ein Tipp, den man ständig liest. Und das Reisen steht da immer ganz oben. Bei mir allerdings liegt das Reisen mitten in meiner Komfortzone. Ich kenne mich aus, kann super damit umgehen. Und deshalb war der Bali-Trip für mich eine Flucht in eine schöne, warme Illusionsblase.

Eine Flucht davor, die wirklich wichtigen Schritte zu gehen. Mich beruflich selbstständig zu machen ist einer davon. Aber auch wahre, innere Freiheit, Unabhängigkeit und Lebendigkeit zu finden. Und dazu muss ich meine allerliebste Komfortzone, das Reisen, verlassen, um im Alltag nochmal genau hinzuschauen, was mich da so ärgert. Denn genau das wird mir, wenn auch in einem anderen Gewand, in jedem Land der Erde wieder begegnen.

 

 

 

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